Leseprobe – Das kleine blaue Notizbuch

Tag 1 – Freitag

Es sind inzwischen viereinhalb Monate vergangen, seit sie festgestellt hat, dass sie schwanger ist, und weitere zwei Monate seit der unbeschreiblichen Nacht mit Sandro, dem Vater ihres ungeborenen Kindes. Sie weiß nicht, wie es weitergehen soll, vor allem, wie sie das alles als alleinerziehende Mutter Ende 20 schaffen soll.
Sie lebt jetzt wieder in ihrer Heimatstadt Hollow Brooks, einer wirklich kleinen Kleinstadt im Süden Nordamerikas, wo jeder jeden kennt, was manchmal sehr hilfreich, aber oft auch nervig sein kann.
Als studierte Germanistin und Journalistin wollte sie sich eigentlich in der Welt umsehen. So wie sie es während ihres Studiums auch getan hatte. Da war sie für ein Jahr als Austauschstudentin in Hamburg gewesen, eigentlich hatte es nur ein Semester werden sollen, aber dann hatte sie einfach noch ein Urlaubssemester drangehängt. Die kühlen Nordlichter, wie sich die Hamburger selbst nennen, verstehen zu feiern. Nach erfolgreicher Beendigung ihres Studiums hatte sie dann noch zwei Praktika in München, einmal bei einer großen Zeitschrift und dann bei einem Buchverlag, jeweils ´vier Monate gemacht, und so waren die Jahre vergangen, ohne dass sie eigenes Geld verdient hatte.

Während der Zeit in Deutschland hatte sie ihre Beziehung zu Sandro, den sie im Studium kennengelernt hatte, mehr oder weniger weiterführen können, denn dieser war nach London gezogen und das war mit dem Flieger ein Katzensprung. Sie hatte diese Zeit sehr genossen.
Aber jetzt ist sie wieder zurück und es ist viel passiert. Ihre Großeltern haben sich endgültig getrennt. Ihr war gar nicht bewusst, dass ihr Großvater schon mehrere Monate, fast ein Jahr, im Gästehaus lebte. Immer wenn Samantha zu Besuch kam, versteckten sie die Schwierigkeiten und spielten ihr eine heile Welt vor. Nun war es wohl nicht mehr zu ertragen, das Versteckspiel, und ihr Großvater hatte sich eine Eigentumswohnung im Stadtzentrum gekauft. Ihre Großmutter, die immer ein Fels in Samanthas unruhigem Leben war, will Samanthas heimliche Zufluchtsstätte verkaufen und ist bereits in den Süden gezogen. Viel zu weit weg, wie sie findet, um bei ihr ein Nest für sich und ihr Kind zu bauen.
Außerdem ist Samantha nicht der Typ dafür, den ganzen Tag am Strand zu liegen und mit ihrer Großmutter und deren Freundinnen Bridge oder sonst was zu spielen. Sie braucht Leben und Menschen um sich, mit denen sie sich beschäftigen und an denen sie sich aufreiben kann, und nicht so ein ruhiges und, in ihren Augen, langweiliges Leben, wie ihre Großmutter es jetzt führt. Sie hat es sich verdient, schließlich hat sie viele Jahrzehnte den Haushalt für ihren Großvater mit vielen Empfängen geführt. Da darf sie es nun ruhiger angehen, findet Samantha. Aber das ist eben nichts für sie.
Ihre Mutter, die ein kleines, aber edles Restaurant führt und mit der sich Samantha eigentlich fast immer, seit sie denken kann, mehr oder weniger streitet, wenn sie aufeinandertreffen, hat ihren langjährigen Lebenspartner geheiratet, einen Lebenskünstler, der vom Geld seiner verstorbenen Eltern und nun auch ihrer Mutter lebt, handwerklich zwar sehr geschickt ist und überall und jedem aushilft, aber dafür nie eine Entlohnung fordert. Sie wird selbst noch mal ein Baby bekommen. In ihr altes Kinderzimmer kann und will Samantha also auch nicht mehr einziehen.

Eigentlich ist sie mittellos, denn sie war vor einigen Monaten so naiv, eine wirklich gut bezahlte Stelle als Geschäftsführerin einer Zeitung anzunehmen, aber gleichzeitig die Entlohnung abzulehnen. Obwohl sie weiß, dass sie es so alleine nicht schaffen wird, ist sie nicht bereit, den Vater ihres Ungeborenen über die Schwangerschaft und dass sie das Kind unbedingt bekommen will zu informieren. Ja, Sandro könnte sie beide finanziell unterstützen, aber er ist mit einer anderen schon lange verlobt, wahrscheinlich zwischenzeitlich sogar verheiratet – die beiden Familien haben diese Verbindung forciert! Er ist aber ihre große Liebe und deshalb hat sie sich immer wieder, trotz Verlobung mit einer anderen, mit ihm getroffen.

Das hat sie nun davon – allein, schwanger, ohne Geld und Wohnung, aber mit einem Job, der ihren Tag ausfüllt, langweilig ist und sie nicht einmal ernähren kann. Aber über eines ist sie sich ganz sicher, sie will dieses Kind, das in der wundervollsten Nacht mit ihrer großen Liebe gezeugt wurde, auch wenn dadurch ihre heile kleine Welt zerstört wird. Sie wird es schaffen, genau wie ihre Mutter damals, als diese mit 17 Jahren schwanger mit ihr war. Sie ist eine Kämpferin!
Und deshalb wird sie nun einen Plan für die nächsten Monate erstellen, zumindest bis zur Geburt. Und diesen Plan will sie schriftlich in ihrem kleinen blauen Notizbuch festhalten.

 

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